MODESPIRENZCHEN: #thedresses Teil 1

Die nun von mir besprochenen Beispiele für gelungene und misslungene „Skandalkleider“ sind schon recht alt. Es sind Beispiele der Mode der Nullziger, die in meiner Sicht ein sehr seltsames Jahrzehnt waren. Es war die Zeit der stilistischen Findungsphase unserer westlichen Mainstreamkultur. Wie eine Pubertät quasi.

In der Pubertät produziert Mensch gute wie fragwürdige, infantile und undurchdachte Dinge. Es können Geniestreiche passieren oder einfach Griffe ins Klosett getätigt werden. Beim „Skandalkleid“ ist es eine hohe Kunst, etwas plausibles, gut gestaltetes hinzulegen, das zwar die Gemüter ob der Menge der gezeigten Haut erhitzt, aber einfach in sich schlüssig ist.

Das gute Beispiel kommt aus dem Hause Versache. Dieser Hort der überbordenden texitlen Dekadenz aus Norditalien hat ein Abo auf skandalöse Leibchen. Eine Liz Hurley wurde gar Dank eines sicherheitsnadeligen Etwas sogar bekannter als sie vorher war. Andere bereits hinlänglich bekannte Diven greifen zum sexy Versachekleid weil sie es einfach mögen und natürlich auch Presse dabei herumkommt. Presse bekommen ist schließlich der Job einer anständigen Diva.

Green Versache Dress Jennifer Lopez 2000  This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license. Mabalu Wikimedia Commons
Green Versache Dress Jennifer Lopez 2000 This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license. Description English: Dress of the Year, 2000. Bamboo-print silk chiffon dress identical to that worn by Jennifer Lopez to the Grammys in February 2000, this version exhibited at the Fashion Museum, Bath, as part of their Dress of the Year Collection. Date 6 August 2014, 18:04:38 Source Own work Author Mabalu

Die jute JLo hatte im Jahr 2000 bei den Grammys dieses ominöse, aber verdammt gut gemachte, grüne Ding an. Es war ein Kleid, das nicht nur sprichwörtlich bis zum Bauchnabel ausgeschnitten war. Soweit so hautig.

Mich erinnert die ganze Komposition mit Hotpants unterm durchsichtigen Printkleid an edle Bademode, die sich als Abendgarderobe bei den Grammys einschleicht.

Man kann sich eine elegante  Badende vorstellen, die ohne Oberteil am Pool rumscharwenzelt. Sie hat sich dann flux mal einen schicken Überwurf angezogen und war somit von der Poolhippen zur Redcarpet-Lady verwandelt. Wie Superman, nur ohne Telefonzelle.

Die Durchführung des Designs ist hochwertig, durchdacht und in sich schlüssig. Die Farben stimmen, es ist ein grüner Traum aus Chiffon und Hotpants. Das Kleid wird im Brustbereich angetaped, damit kein Nippelgate geschehe. Die Form des Ausschnittes ist mit dieser Robe der Natur eines solchen Überwurfes gerecht geworden. Es sieht nicht zu gewollt aus, sondern einfach locker drübergezogen und fertig ist der Monsterausschnitt der halt so „passiert“. Donatella Versache mag zwar umstritten sein, aber sie zieht ihren Stil knallhart und plausibel durch. Job well done. Der Rest ist Geschmackssache und daher sehr relativ. Übrigens, dieses Gewand ist derart berühmt, dass es einen eigenen Artikel bei Wikipedia hat.

Aber nach dem guten Beispiel folgt sobald der Unfall. Dieser kommt, leider Eris, aus Deuschland. Eine Designerin aus Bremen kleidete für etwa 3000 Euro ein. Maßgeschneidert für einen Auftritt in einer mittlerweile toten Samstagabendshow. Dieses Kleid sorgte wegen seiner freizügigen Gestaltung für viel Wirbel. Die Sängerin, ihren Künstlernamen hat die Dame im übrigen von einer Terminator-Heldin entliehen, wurde von Unholden aufgrund des gemunkelten Fehlens einer Unterbuxe als leichtes Mädchen beschimpft. Diese Reaktion ist im Übrigen um ein Vielfaches garstiger, verdammenswerter und schlimmer als jedes Versagen von der Seite der Designerin. Designfails können behoben werden, Gestaltermenschen können lernen. Leute, die gestalten, verursachen oftmals schlimme Gestalten, bevor ihre gestalterische Kompetenz sich wirklich formen kann. Daher sei dieser Verriss dieses Kleides sehr unter das Motto „es kann ja nur besser werden“ gestellt. Nur mal so, um das klarzustellen.

Aber leider ja, ich fand das Kleid mit dem Flammendesign sehr enttäuschend, da ich damals in den frühen Nullzigern, wie einige andere Menschen auch, Flammenmotive in der Mode ganz reizend fand. Das war halt damals Teil des Zeitgeistes, den auch die Band Rammstein mit ihren Feuerspielen (zumindest bei mir) mit entfacht hat.

Sarah Connor bei Wetten Dass?
Sarah Connor bei „Wetten Dass?“ Quelle: ZDF

Ja, soweit dieses leider misslungene Werk, das in folgenden Punkten vor allem leidet:

1. Es gibt keine Plausibilität im Design. Unten die Flammen die abrupt einfach am Oberteil aufhören und die schlanke Trägerin aussehen lassen wie eine Fleischtheke. Das will doch kein Mensch?!

2. Die Gestaltung mit den Flammen im Kontrast zum schwarzen, transparenten Teil hätte vom Rock bis zum Oberteil durchgezogen werden müssen. Der Aussschnitt nicht nach unten gezogen, sondern mit den Flammen zu einem V gestaltet werden. Von mir aus auch so tief wie beim Versache-Modell oben.

3. Die Flammen verhalten sich nicht plausibel zueinander, sondern wirken einfach zusammengeklatscht, sodass es einfach halt irgendwie passt, aber im Endeffekt überhaupt nicht wie eine schlüssige Komposition wirkt.

Als Fazit bleibt zu betonen, dass hier aus Gestaltersicht eine große Chance vertan wurde, ein ikonisches Kleid zu erschaffen. Stattdessen gab’s zum Leidwesen der Sängerin üble Beschimpfung und blöde Menschen, die über die Abwesenheit oder Anwesenheit von Unterbuxen diskutieren. Das muss doch nicht sein. Dafür gibt’s doch Designer!

 

Schreiben Sie einen Kommentar